Interkulturelle Konfliktlösung

Es gibt heute sehr viele Konflikte, in denen der kulturelle Faktor eine Rolle spielt, aber es gibt sehr wenige Konflikte, in denen der kulturelle Faktor die entscheidende Rolle spielt.

Sehr oft werden Konflikte als interkulturelle Konflikte bezeichnet, weil es mit dieser Definition leicht möglich ist, die eigentlichen Konflikte zu verdrängen.

Faktoren eines Konflikts
Ein Ansatz, um dieser "Falle" zu entgehen, ist, Konflikte genauer zu analysieren und zu fragen, welche Faktoren, welche Rahmenbedingungen und welche Interessen eine Bedeutung in diesem Konflikt haben. Soziale Schicht, (politische) Ausgrenzung, Geschlecht, Minderheiten und Mehrheiten etc. sind nur ein paar Faktoren, die in Konflikten eine Rolle spielen können. Natürlich soll neben den anderen Faktoren auch der kulturelle Faktor analysiert werden. Dies sind meist Wertunterschiede, Unterschiede in der Kommunikation, Unterschiede in der Wahrnehmung oder in der Art und Weise, wie Konflikte gelöst werden.


Human Needs Theorie
Eine interessante Strategie in der Konfliktlösung zeigt uns John Burton mit seinem "Human Needs Ansatz" auf. Er geht davon aus, dass es neben den körperlichen Bedürfnissen auch sogenannte Identitätsbedürfnisse gibt, die in ihrem Ansatz universell sind, in der Befriedigung aber auch kulturell unterschiedlich sein können. Burton spricht von fünf Identitätsbedürfnissen:
• dem Bedürfnis nach Sicherheit,
• dem Bedürfnis nach Anerkennung,
• dem Bedürfnis nach Sinn,
• dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und
• dem Bedürfnis nach Wirksamkeit.
Wird eines dieser Bedürfnisse verletzt, kann es zu Identitätsstörungen kommen, es kann dazu führen, dass keine Beziehungen geknüpft werden können. Die Analyse von Konflikten mit der Human Needs Theorie bringt uns weg von einer Fixierung auf kulturelle oder andere Faktoren und eröffnet uns neue Perspektiven zu einer Konfliktlösung, die auf einer längerfristigen Kooperation beruhen.

Identitätsarbeit und Dynamiken wahrnehmen
Die Human Needs Theorie setzt in der Konfliktlösung bei der Identitätsarbeit an, das heißt die Frage der eigenen Identität und die Befriedigung der Identitätsbedürfnisse stehen im Mittelpunkt. Dies ist natürlich kein Lösungsansatz für akute Konflikte und Streitsituationen, in denen es meist um eine Deeskalierung der Situation geht. Die Identitätsarbeit ist jedoch ein Ansatz, der zu längerfristiger Kooperation und mehr Selbstbewusstsein führt (2). Identitätsarbeit bedeutet, sich bewusst zu werden, welchen Identitätsgruppen wir angehören. Wenn diese Identitätsgruppen auf Ausgrenzung oder Gewalt basieren, kann es notwendig sein, diese Identität auch zu ändern. Dies ist aber nur dann möglich, wenn eine andere Gruppe bzw. ein anderes Identitätsmerkmal gefunden wird, um zu einer Gruppe dazu zu gehören. Die Human Needs Theorie regt uns auch an, Prozesse und Dynamiken wahrzunehmen und dies führt uns weg von einer Verfestigung von Stereotypen und Machtverhältnissen und gibt uns die Chance, gemeinsame Ziele zu entwickeln und in die Zukunft zu blicken.



Quellen:
(2) Akkus, Reva / Brizic, Katharina / de Cillia, Rudolf: Bilingualer Spracherwerb in der Migration. Psychagogisch und Soziallinguistischer Teil. Wien: BMBWK, 2005. Diese Studie betont die Bedeutung von Selbstbewusstsein für das Erlernen der deutschen Sprache und zeigt, wie sich die Stärkung des Selbstbewusstseins der betroffenen Jugendlichen auf die Fähigkeit, Deutsch zu lernen, auswirkt.